Auch wenn ich selbst aus einer Bergarbeiterfamilie stamme – sowohl mein Vater als auch meine beiden Brüder waren unter Tage – hat mich bei der Besichtigung des stillgelegten Hochofenwerks Phoenix West in Dortmund auf eigenartige Weise fasziniert.

Wer im Ruhrgebiet groß geworden ist kennt die Bilder. Männer in astronautenähnlichen Anzügen am Hochofen und der rot erleuchtete Himmel, wenn abgestochen wurde. Dreck, Lärm und Gestank. Kolossartige Industrieanlagen bildeten die Skyline unserer Heimat. Einige wenige sind bis heute stehen geblieben und erinnern als sogenannte Industriedenkmäler an das Ruhrgebiet vergangener Tage.

Bei der Begehung fiel mein Blick auf diese kleinen unförmigen Kugeln, die dort überall verteilt lagen. Ohne zu wissen, worum es sich dabei genau handelt, habe ich sofort das Bild eines Ringes aus Feingold vor Augen gehabt. Ich liebe es, mich von derartigen Fundstücken in meiner kreativen Arbeit leiten zu lassen. Da muss irgendein Funke überspringen. Bislang waren es eher Fundstücke am Strand. Dinge die das Meer, welches ich so sehr liebe, an Land gespült hat. Das Meer und die Natur mit all ihren phantasievollen Gebilden ließen mich häufig staunen, waren Inspirationsquelle und luden mich zum Träumen und Gestalten ein. Doch nun traf ich auf meine eigene Geschichte, meine Wurzeln und Erinnerungen der Kindheit.

Aber zunächst einmal wollte ich wissen, womit ich es hier überhaupt zu tun hatte. Ich ahnte schon, dass in diesen Kugeln Eisen enthalten sein muss. Bei meiner Recherche, bei der auch Kunden behilflich waren, erfuhr ich, dass es sich dabei um Eisenerzpellets handelt, die für die Roheisenproduktion im Hochofen geschmolzen wurden. Wer mehr erfahren möchte:

https://de.wikipedia.org/wiki/Pellet_(Eisenerz)

Nun lagen diese kleinen Pellets auf meinem Werktisch. Für die massenweise Verwendung im Hochofen hatten sie ausgedient – für mein Handwerk und meine Phantasie noch lange nicht. Ich wählte eine einzige Kugel aus, damit diese ähnlich einer wertvollen Perle oder eines edlen Steins den Kopf eines Ringes schmückt. Der erste Phoenix-Ring war entstanden. Es handelte sich dabei wie bei allen anderen, die noch folgen sollten, um ein Unikat.

Es war interessant zu erleben, wie unterschiedlich Betrachter des Phoenix-Ringes auf diesen reagiert haben. Manch ein Fachkundiger kam mit wertvollem Wissen über die Roheisenproduktion. Andere schwelgten in Erinnerungen über das vergangene Ruhrgebiet. Und wieder Andere philosophierten über den Wandel und unsere Verantwortung alte Werte zu bewahren.

Mich selber faszinieren die Kontraste dieser Arbeit. Einerseits das Dunkle und auf der anderen Seite das Leuchten des Feingolds. Das unedle Rohmaterial und das Edelste und Wertbeständigste, was man sich vorstellen kann. Mit diesem Stück habe ich ein Relikt unserer vergangenen Industriekultur, die ursprünglich auch aus dem Handwerk hervorging, zum Handwerk zurückgeführt.

Ich liebe es und bin unendlich dankbar, wenn es mir gelungen ist ein Schmuckstück zu kreieren, welches Mensche auf unterschiedlichste Weise anregt.

Ich freue mich auf Ihre Assoziationen, Phantasien, Erinnerungen und Gedanken zum Phoenix-Ring.

2 Kommentare

  1. Freunde aus Worpswede waren nach einem Wochenendbesuch in Dortmund und Umgebung tief beeindruckt. „Diese Landschaft mit den industriellen Relikten ist ja ein Schmuckstück.“ sagten sie erstaunt. Wir im Ruhrgebiet wissen das. Als Andrea mir von der Besichtigung von Phönix-West erzählte und mir ein paar Eisenerzpellets zeigte, war mir klar, es entsteht wieder etwas ganz Besonderes. Denn die Staatspreisträgerin von 2019 ruht sich nicht auf diesen Früchten aus. Schon die in Corona-Zeiten entstandene „Schmuckseife“ hat dies ausgedrückt. Und dann durfte ich den ersten „Phönix“-Ring in die Hand nehmen. Ein sonderbares Gefühl, diesen Mix aus Edlem und Massenprodukt zu spüren. Ja und dann erinnerte ich mich an die Aussage meiner Worpsweder Freunde. Gibt es etwas Schöneres als diesen Ring, um dieser Region zu huldigen?

  2. Auch mich faszinieren Industriedenkmäler, aber gleichzeitig verbinde ich damit den Verlust von vielen Arbeitsplätzen. Faszination und Traurigkeit mischen sich, auch ein wenig Wehmut, es hat für mich immer eine Ambivalenz. An solchen Orten nehme ich wie ein Hund „die Witterung auf“ und es kommen schöne Kindheitserinnerungen wieder hoch.
    Meine Großeltern und meine Mutter stammten vom linken Niederrhein und wir besuchten regelmäßig Freunde und Verwandte in Moers und Kamp-Lintfort. Jedes Mal, wenn wir über die B1 rumpelten, mein Opa am Lenkrad, meine Oma daneben, meine Mutter, der Hund und ich hinten, rief mein Opa kurz vor Duisburg-Ruhrort lachend: „So Mädchen, auch mein altes Mädchen, jetzt mal alle die Fenster runterkurbeln und Heimat riechen. „Noch heute erinnere ich mich an diesen speziellen Geruch, deshalb gehe ich so gern bei uns durch die Firma. Es „duftet“ nach Öl, Stahl, Rost, die Glühöfen sind warm, die Coils werden gespalten und es herrscht eine laute Betriebsamkeit. Ohne diese Geräusche (nach Feierabend) höre ich die Verlassenheit und in letzter Zeit schwingt vielleicht auch ein Hauch von Vergänglichkeit mit. Wie lange wird es diese Industrie in dieser Form noch geben…?
    Ihr Phoenix-Ring verbindet den Wert der Vergangenheit, Gegenwart und Zukunft – macht den Wandel der Zeit sichtbar.
    Mein Opa wäre von Ihrer Idee begeistert gewesen und hätte uns alle mit diesen Worten ins Auto „gepackt“: „So Mädchen, auch mein altes Mädchen, alle mal zu Frau Schmidt, „Heimat tragen“!“
    Der „Ruhrpott “ und der linke Niederrhein waren und sind Schönheiten mit Charakter, so wie Ihr Ring.

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