Modell 270 / heute ein Gefäß

Modell 270 / heute ein Gefäß

Diese Arbeit ist eine Fortsetzung oder Weiterentwicklung meiner Arbeit vom 24.02.2019
https://www.andrea-schmidt-anders.de/ein-ring-ein-gefaess/

Zum Kreieren/Machen und zum Prozess:
Meine Idee bei dieser Arbeit ist es, den Trauring in eine Halbschale aus Feinsilber zu prägen, um ein bleibendes Zitat seiner Existenz zu erzeugen. Größe und ein Teil der Form wird so für immer verewigt. Dabei entsteht eine Standfläche, die an den Boden einer Tasse erinnert. Nun kann diese Halbschale stehen.
Wenn ich solch eine Arbeit beginne ist selten klar, was es wird. Eine Brosche, ein Schmuckanhänger oder oder oder … Das macht die  Spannung und manchmal auch Anstrengung bei solchen Prozessen aus.
Das entstandene Gefäß mit seinem unebenen Rand rührt mich und ich beschließe – auch wenn ich eigentlich Schmuck mache wollte – es bei diesem Gefäß zu belassen, indem ich ihm seinen hohen Rand lasse.
Ich teile den Trauring und löte einen Teil in seinen Grund. Die andere Trauringhälfte schmiede ich größer und fertige einen klassichen Goldrand für dieses kleine Gefäß. Die halbrunde Aussparung unter dem Goldrand zitiert auch noch einmal die Ringgröße des ursprünglichen Traurings.

Zur Funktion/Deutung:
Es ist „zwar“ ein Gefäß entstanden, was mich optisch anrührt, aber ich spüre auch wie sehr es mich irritiert.
Ich bin von anderen Gefäßen einen glatten Rand gewöhnt, der parallell zur Standfäche verläuft. Ein Henkel gibt mir normaler Weise vor, wo ich die Tasse packen kann. Wie soll ich dieses Gefäß fassen? Wenn ich daraus trinke, wo sollen meine Lippen ansetzen? Der schräge Rand und das halbrunde Loch am Rand bieten die Gefahr, dass Flüßigkeit herausschwappen könnte.
Die Größe dieses Behälters erinnert an eine japanischen Teeschale. Irgendwie hab ich das Gefühl, wenn wenig Flüssigkeit eingefült wird, dann handelt es sich um eine ganz besondere Flüssigkeit.
Durch die Schwarzfärbung im Inneren will ich dieses Ungleichgewicht deutlich machen und betonen.
Es verlangt mir also etwas Aufmerksamkeit ab, wenn ich diese Schale wirklich als Trinkgefäß nutzen will. Es zwingt mich zur Ruhe und zur Konzentration.

Prägung mit Nadel und Faden

Prägung mit Nadel und Faden

Meine Mutter ist Schneiderin. Ich bin zwischen Schnittmusterbögen, Stoffen, Knöpfen, Nadel und Faden groß geworden. Oft saß ich auf einem Stuhl neben ihr, wenn sie für uns Kinder Sachen nähte oder Änderungsarbeiten erledigte, um die Haushaltskasse aufzubessern. Ich konnte endlos lange mit den Knöpfen spielen, diese nach Größe oder  Farbe sortieren … ich habe deren Muster bewundert, manche glitzerten, schillerten, manche waren schwer, manche ganz leicht. Ich habe meine Mutter beobachtet, wie sie die Nadeln zwischen den Lippen hielt und diese wieder wie automatisch herauszog, wenn sie eine brauchte. Das Rattern der Maschine, die schnellen Griffe nach dem Stoff, der Schere oder sonstigen Zutaten, das Lenken des Stoffes unter dem Nähmaschinenfüßchen – jeder Handgriff saß.
Ich liebe es noch heute, Menschen bei der Arbeit zuzuschauen.

Bei meiner derzeitigen, recht freien Arbeit für den Staatspreis NRW bemerke ich wie sehr mich Erlebtes, Gesehenes und Erinnerungen, wie diese an meine Kindheit beeinflussen.
Ich arbeite häufig intuitiv, lasse mich Schritt für Schritt durch die Arbeit leiten beobachte, was entstanden ist, spüre in mich hinein, spiele mit den Formen – ähnlich wie früher mit den Knöpfen.
Da bemerke ich zum Beispiel, wie sehr es mich anrührt, den goldenen Trauring in dieser Mulde liegen zu sehen – als hätte er ein Zuhause gefunden. Es ist eine Augenweide entstanden, die ich nicht mehr zerstören möchte.
Ich merke wie mir beide Seiten gleichermaßen gefallen und ich sie immer wieder hin und her drehen möchte. Also steht schnell fest, dass es keine Brosche werden kann, bei der ich ein Vorne definieren müsste.
Der Ring soll dort bleiben, aber irgendetwas sagt mir, dass ich ihn dort nicht für alle Ewigkeiten fixieren darf. Ich muss also mein Terrain verlassen, wenn ich ihn nicht festlöten möchte. Und da liegt es doch nahe auf die Technik meiner Mutter zurückzugreifen. Und schon tauchen die faszinierenden Schnittmusterbögen meiner Kindheit vor meinem geistigen Auge auf.

Das Foto zeigt Bilder meiner Entwurfs- und Findungsphase. Es gibt noch viele Entscheidungen zu treffen und in vieles hineinzuspüren. Aber manchmal muss eine Arbeit erst ruhen, um dann nach Tagen wieder mit etwas Abstand angeschaut zu werden.